Dressur, Reiten, Springen, Vielseitigkeit
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Multitalent und Allrounder – alles eine Frage der Ausbildung?

Ein in allen drei Disziplinen (Dressur, Springen und Gelände) gleichermaßen talentiertes Pferd für den Otto-Normal-Reiter – wer wünscht sich das nicht? Sind diese Multitalente wirklich so selten?

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Ich besitze meinen Wallach mittlerweile fast zehn Jahre. Fast sieben davon wurde er von mir nahezu ausschließlich dressurmäßig geritten und auf Turnieren vorgestellt. Ich hatte ihn 4-jährig gekauft und er sollte schließlich Dressurpferd werden. Für mich war das klar und es stand auch nichts anderes zur Debatte. Innerhalb dieser sieben Jahre hatten wir es mit einigen Rückschlägen und Höhepunkten geschafft siegreich bis zur Klasse M unterwegs zu sein.

Durch verschiedene Zufälle begann ich zunächst 2012 parallel zu den ersten Starts in der Klasse S mit ihm zu springen und startete 2013 und 2014 neben M- und S-Dressuren auch in Springen der Klasse A und L. Außerdem schnupperten wir in die Vielseitigkeit hinein und waren 2014 siegreich in einer A-Vielseitigkeit. Und das alles mit ein und demselben Pferd. Wie oft mag es wohl solche Pferde geben, die nebenbei auch noch rittig, lieb und artig im Umgang sind? Sind diese Pferde wirklich die bekanntliche Nadel im Heuhaufen?

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Natürlich bedarf es für eine derartige Entwicklung eines gewissen Talents des Pferdes. Dennoch ist vieles abhängig von der Ausbildung des jeweiligen Pferdes – und auch des Reiters! Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich vermutlich immer noch nur im Dressurviereck rumeiern würde, wären nicht ein paar Zufälle aufeinander getroffen.

Ich bin der Meinung, dass in vielen Fällen der Reiter bzw. Besitzer des Pferdes ausschlaggebend ist dafür, welchen Weg die Ausbildung des Pferdes geht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Dressurreiter oft ein bisschen „ängstlich“ sind und sich daher nicht trauen zu springen und über feste Hindernisse schon gar nicht. Im Springsport ist eine gewisse dressurmäßige Grundausbildung zwar Voraussetzung, damit die Pferde im Parcours erfolgsversprechend sind. Hier werden aber in den meisten Fällen keine Lektionen abgefragt oder Aufgaben geübt. Unabhängig vom Niveau sollte eine vielseitige und abwechslungsreiche Trainingsgestaltung angestrebt und ermöglicht werden. Oft beginnt es schon damit, dass viele Dressurreiter weder ins Gelände gehen noch über ein Cavaletti reiten. Nicht nur eine dressurmäßige Grundausbildung ist im Springsport vorteilhaft, es ist auch umgekehrt. Springen bringt durchaus Vorteile für den Dressursport. Regelmäßiges Springen, da reicht schon Gymnastikspringen, fördert die Kraft in der Hinterhand und bringt auf Dauer mehr Tragkraft und verbessert oft den Galopp. In vielen Fällen ist es auch so, dass die Pferde wirklich Spaß am Springen haben, auch wenn das Vermögen begrenzt sein mag. Das sollte man den Pferden genauso ermöglichen wie regelmäßiges Ausreiten. Durch die Konfrontation mit immer wieder anderen Gegebenheiten in der Umwelt werden die meisten Pferde ausgeglichener und lassen sich auch in Turniersituationen weniger aus der Ruhe bringen. Dies kann in einigen Fällen ein langer Weg sein, der unter Umständen viel Geduld und Durchhaltevermögen fordert. Ängstlichen Pferden muss man im Gelände Sicherheit geben, damit sie sich dort auch sicher fühlen und sich an solche Situationen gewöhnen. Je regelmäßiger man die Pferde also mit ins Gelände nimmt, desto routinierter werden sie dabei.

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Jedes Mal, wenn ich von den Erfolgen meines Pferdes erzähle, blicke ich in erstaunte Gesichter und bekomme anerkennende Worte zu hören, dass dies wohl wirklich ein einmaliges Pferd sei. Klar- für mich ist er das natürlich auch, aber ich bin der Meinung, dass man ein solches Multitalent – zumindest bis zu den Klassen A und L viel öfter finden kann.

Es ist doch so: Ein dressurmäßig sehr talentiertes Pferd wird in dieser Sparte gefördert, weil sie ziemlich erfolgsversprechend ist. Andersherum ist es beim Springpferd. Bezüglich der Ausbildung des Pferdes wird bei vielen Pferden oftmals kategorisch ausgeschlossen, beispielsweise auch die Springtalente weiter zu fördern, wenn eine Zukunft im Dressursport zu erwarten ist und umgekehrt. Viele Dressurpferde haben versteckte Springtalente und auch Springpferde können oft im Dressurviereck eine gute Figur abgeben. Bis mindestens zur Klasse A sollte eigentlich jedes normale, gesunde Warmblut vielseitig gefördert werden können. Es lohnt sich also in vielen Fällen durchaus, mal den Horizont zu erweitern, Mut zu haben und in das Vermögen des eigenen Pferdes zu vertrauen. Man muss versteckte Talente entdecken und an den Aufgaben wachsen, so formt sich ein gut zusammenspielendes Team.

Klar ist dabei, dass dies in den allermeisten Fällen ausschließlich für den Amateursport gilt, wo keine Sponsoren und Pferdebesitzer im Hintergrund stehen, die vor allem Erfolge und damit Gewinn sehen möchten.

Aber ist für uns Freizeit- (Turnier-)Reiter nicht der größte Erfolg der, wenn man selbst stolz auf sein Pferd und die gemeinsame Leistung mit ihm ist und Anerkennung dafür erntet?

 

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6 Kommentare

  1. Elfenzauber sagt

    Ich sehe das zwispältig. Ja, es liegt meist an der Ausbildung und natürlich dem Reiter. ABER mMn braucht man in der VS ab A wirklich ein Pferd mit Herz. Da bringt dich ein Hasenfuß einfach nicht weiter.

    Was das springen angeht, sitzt das Problem oft im Sattel und da kommt es auf die Pferde-Reiter-Kombi an. Bin ich eher ängstlich, klappt es mit einem Pferd, dass zwar brav ist, aber nicht in der Lage, sich auch mal selbst zu helfen oder gar die Entscheidung zu übernehmen, einfach nicht.

    Meiner hat z.B. mit Sicherheit Potential genug für L-Springen. Doch den muss man an JEDEN Sprung passend bringen, wenn die Stange liegen bleiben soll. Er hilft sich nur sehr selten und das auch nur, wenn es darum geht, dass er sonst womöglich ganz in den Sprung brettert (und auch das haben wir schon geschafft). Ihm ist das Stangenzeug einfach egal, gibt ja nach 😀 Mit so einem Pferd reite ich nicht freiwillig in ein L, nicht mal unbedingt in ein A**. A* geht auch nur, wenn ich wirklich so oft springe/Stangenarbeit, dass mein Auge geschult bleibt (also mind. 1x die Woche). Dann ist man aber trotzdem noch weit davon entfernt, das auch aufm Turnier erfolgreich zu reiten.

    Ein einigermaßen mutiger Reiter sollte tatsächlich mit den meisten Pferden in Sachen A-Springen kein Problem haben. Zum Thema VS, siehe oben.

    Just my two cents.

    • Wiebke sagt

      Hallo Elfenzauber,
      es sollte in dem Artikel grundsätzlich eigentlich weniger darum gehen, dass die Reiter im Turniersport vielseitiger unterwegs sein sollen. Vielmehr sollte zum Ausdruck kommen, wie wenig vielseitig Reiter der unterschiedlichen Sparten zum Teil sind und dass dies überhaupt nicht sein muss. Für viele Dressurreiter ist es ja – überspitzt formuliert – schon unmöglich mal über ein Cavaletti zu springen, geschweige denn regelmäßig zu springen.
      VS an sich steht noch einmal auf einem anderen Blatt, das erfordert Mut von Reiter und Pferd, aber gegen ins Gelände reiten und mal über einen kleinen Baumstamm hüpfen spricht ja nichts ;).
      Du hast Recht in Bezug aufs Springen. Hier sitzt das Problem nämlich wirklich oft im Sattel, aber dagegen kann man ja was tun. Und genau das ist ja die Intention – sich damit auseinander setzen und es machen. Egal auf welchem Niveau, da reicht ja die Stangenarbeit, um das Training abwechslungsreich zu gestalten.

      • Elfenzauber sagt

        Ok, dann habe ich die Intention des Artikels falsch verstanden. Die zum Schluss erwähnte Anerkennung gibt es aber doch leider oft erst, wenn es dann auch Turniererfolge gibt. Zumindest ist das meine Erfahrung. Kann mich eigentlich nur an 2 Situationen außerhalb des Turnierzirkusses erinnern, wo wir Anerkennung für vielseitige Ausbildung geerntet haben. Schade, eigentlich. Meistens gibt es eher verwunderte Blicke, warum ich mich als Dressurreiter durch die Springstunde quäle 😀 (Dabei macht’s doch auch einfach Spaß….)

  2. Linda sagt

    Ich bin gerade auf den Artikel gestoßen und muss voll und ganz zustimmen! Bei uns im Stall war es lange Zeit leider auch so, dass ausschließlich Dressurstunden angeboten wurden. Dann stand im Nachbarstall die Prüfung zum Reitabzeichen an und unsere Zwerge wollten mitmachen. Logisch, dass Springstunden her mussten.

    Mit meinem Hasi (Rheinländer, stolze 17 Jahre und Ataxie im Hinterbein) springe ich jetzt seit knapp drei Monaten. Das ist sowohl für ihn als auch für mich eine Premiere, vorher hieß es für uns nämlich nur Dressurtraining. Das Springen hat seine Faulheit komplett ausradiert, die Ataxie ist kaum noch zu sehen und er hat richtig Spaß am Springen. Klar, es sind nur kleine Hüpfer, aber die reichen schon nach kurzer Zeit für eine riesige Veränderung.

    Liebe Dressur-Reiter: Traut euch! Und wenn es erst mal ein paar Stangen sind, die auf dem Boden liegen. Ich habe noch kein Pferd gesehen, das sich so ungeschickt angestellt hat, das Trainingserfolge sofort hin waren 🙂

Wir freuen uns immer über eure Kommentare :-)