Gesundheit, Haltung, Lucky, Pferde
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Und plötzlich dachte ich: ist mir egal

Auf einer meiner letzten Reisen hatte ich am Abend ein längeres Telefonat mit einem Exfreund, mit dem ich heute freundschaftlich verbunden bin.

Als wir uns kennenlernten, war Lucky zarte fünf Jahre alt und mein ein und alles. Wie ihr in seiner Geschichte nachlesen könnt, hat er sich dann in den folgenden Jahren gut entwickelt und die ein oder andere Schleife gewonnen. Er war allerdings auch einmal gravierender und länger verletzt mit unklarer Prognose.

Am Ende unserer Beziehung, also der meines Freundes und mir – denn Lucky und ich sind ja immer noch zusammen 🙂 – hatte Lucky gerade seine erste Platzierung in der Klasse S erreicht. Ihr könnt euch also vorstellen, wie viel Zeit und Energie ich in die Reiterei investiert habe und wie emotional es oft zuging. An einem Tag im August stirbt mein Pferd fast, ein Jahr später gewinnt es M und zwei Jahre später geht es seine erste S. Was für eine Achterbahnfahrt und sehr intensive Zeit für einen Pferdebesitzer – aber eben auch für seinen Partner.

Mein lieber Exfreund sagte mir am Telefon also gerade kürzlich noch: „Ja weißt du, die Reiterei damals – da fühlte ich mich schon oft an zweiter Stelle. Wenn das Pferd krank war oder nicht gut lief oder wenn Turniere stattfanden… das stand dann schon immer stark im Mittelpunkt und hat Dir sehr viel Aufmerksamkeit abverlangt.“

Ich wollte gerade zum Gegenplädoyer ansetzen und ihn mit „Neeeeein, also da gibt’s ja gaaaaanz andere, stell Dir mal vor, was die veranstalten mit ihren Gäulen. Ich war da doch immer voll entspannt. Ich bin so gar nicht gewesen.“ Schachmatt setzen.

Aber dann habe ich nachgedacht und mir die Frage gestellt – wie sehe ich es heute mit etwas Abstand? Und hat er vielleicht sogar Recht?

Seit ich Mutter bin und mich das Berufsleben voll wieder hat, sind mir ein paar Veränderungen in meiner Einstellung und in meinem Verhalten als Pferdebesitzer aufgefallen.

Die Gravierendste ist, dass ich nicht mehr der wahnsinnigen Überzeugung folge, ALLES SELBST machen zu müssen und es meinem Pferd auch nur dann gut geht, wenn ich es persönlich putze, reite, seine Schabracke alle 2 Tage passend zu den Bandagen und der Wettervorhersage aussuche und alles auch noch drei mal kontrolliere. Ist genügend Zusatzfutter da? Ist alles am Platz? Wann geht er auf die Weide und wie lange? Wenn ich mal 3 Tage weg bin, wer setzt alles so zuverlässig um, als wäre es sein eigenes Pferd? Und was ist, wenn doch mal was ist? Was ist der Plan B?

Nun ist Lucky zum Glück (hört mich hier auf Holz klopfen) kein Kandidat für Erkrankungen, die hier, jetzt und sofort behandelt werden müssen, da akute Lebensgefahr besteht. Vielleicht wäre ich da jetzt anders. Aber ich handhabe es so: Ich habe einen Stall gefunden, wo ich mich neben der Zufriedenheit mit dem Beritt auch zu 100% auf die Mitarbeiter verlassen kann, dass Lucky z.B. dem Schmied vorgestellt wird, wenn erforderlich auch dem Tierarzt nebst Absprache der Behandlung, Medikamentengabe und Therapie, mit Gamaschen und Decke auf die Wiese geht, vor und nach dem Training ausreichend lange Schritt geht, abends noch mal sein Fütterchen bekommt und mit Cremes und Zeug behandelt wird, wenn er irgendwo mal eine Macke, einen Insektenstich oder eine offene Stelle hat.

Wenn etwas fehlt, bekomme ich eine Whats app mit „bitte besorgen“. Wenn der Schmied da war, bekomme ich die Rechnung nach Hause. Wenn der Tierarzt kommen muss und ich bin nicht da, werde ich angerufen, wenn es um Entscheidungen geht; ansonsten wird behandelt wie geplant und die weitergehende Therapie erfolgt durch den Stall. Wenn ich plan- oder auch mal außerplanmäßig nicht reiten kann – und das kommt häufig vor – in den letzten 2 Monaten hatte ich fast 40 Reisetage – dann sage ich Bescheid und ich weiß genau, dass das Pferd vernünftig gearbeitet wird.

Hätte ich das früher so gekonnt? Alles abgeben und komplett loslassen? Ich denke nicht. Beritt hatte ich ja früher schon in Hamburg mal in Anspruch genommen… aber wochenlang gar nicht zum Stall zu fahren und alles in die Hände anderer zu geben? Das hätte ich mir nie vorstellen können. Es ist ja nicht nur eine finanzielle Frage, sondern eine Frage des Vertrauens. Nun habe ich mit meiner Trainerin den absoluten Glücksgriff getan, auch was den ganzen Service betrifft – ich denke aber auch, dass sich meine Einstellung stark verändert hat.

Wenn das Pferd etwas hat oder etwas braucht, dann bekommt es das. Bedeutet für mich in ersten Linie: ich bezahle es. Aber es bedeutet für mich nicht mehr, dass eine Welt zusammenbricht. Dass ich mich schlecht fühle, wenn ich nicht jeden Tag mal persönlich die Nase gestreichelt habe. Dass ich wochenlang down bin weil das Pferd lahm ist. Dass ich abends vor dem Einschlafen darüber nachdenke, warum er die Rechtstraversale heute nicht so schön lief wie die nach links. Dass ich schlechte Laune habe, weil ich beim Turnier nicht platziert war – oder auf Wolke 7 aufgrund einer Schleife. Oder dass es beim Essen mit Freunden oder eben auch mit dem Partner nur EIN Thema gibt: Was macht das Pferd?

Wenn ich reise, bin ich froh, wenn ich dazu komme, meine Tochter zu fragen, wie es ihr geht. Aber ich kontaktiere nicht jeden Tag den Stall, um nach dem Pferd zu fragen. Nein, auch in drei Wochen nicht. Wenn ich nichts höre, ist alles ok. Und wenn ich was hören sollte, würde ich Entscheidungen treffen. Aber darüber hinaus habe ich gemerkt: Es ist mir egal. Es ist ein Pferd. Er hat alles was er braucht. Und er ist auch ohne mich glücklich. So wie ich auch ohne ihn glücklich bin. Zumindest eine Zeit lang 😉 und dann freue ich mich auch darauf, wieder in den Stall zu fahren. Aber ich möchte mich nicht mehr für die Reiterei versklaven, nicht mal gewollt. Ich habe ein Turnier genannt aber ich kann nicht reiten, weil ich an dem Tag zu einem Kunden muss? Oder ich einfach müde bin und habe keine Lust? Dann bleib ich eben zuhause. Was solls?

Und wenn ich ganz ehrlich bin – wäre Lucky morgen krank und müsste pausieren (damit meine ich keine lebensbedrohliche akute Krankheit wie Kolik, allergischen Schock etc.), sondern eher Dinge wie Lahmheiten oder sonstige Verletzungen: Klar wäre das blöd und ich würde das (wenige) Reiten sicher vermissen. Aber ich würde einen Teufel tun, das Rehaprogramm mit täglich einer Minute mehr Schritt führen, am besten noch zweimal am Tag morgens und abends, hier ein Sälbchen schmieren, da ein Pülverchen mit der Küchenwaage abwiegen und verabreichen usw. in diesem Aufwand zu betreiben. Wenn es so sein soll, dann ist es so. Dann bekommt er alles, was nötig ist und dann darf er sich auskurieren. Aber bitte ohne meine 24/7 Arzthelfertätigkeit. Wäre hingegen etwas mit meiner Tochter oder meinen Eltern nicht in Ordnung, nähme ich den nächsten Flieger und wäre da. Zugegebenermaßen täte ich für meine Kunden wohl ähnliches, aber das ist ein anderes Thema 😉

So saß ich also da und habe verglichen, wie ich früher emotional mit meinem Pferd umgegangen bin und wie es mir heute geht. Und ich muss zugeben, dass mein Exfreund Recht hat. Früher war das Reiten mein Lebensinhalt, heute ist es nur noch ein Inhaltsbestandteil meines Lebens. Es geht eben nicht mehr alles, andere Dinge sind wichtiger geworden – und das ist auch gut so.

Und wie sieht’s bei Euch aus? Wie viel Drama ums Pferd bestimmt Euer Leben?

horsediaries

Kategorie: Gesundheit, Haltung, Lucky, Pferde

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Sofia ist 35 Jahre als, kommt aus dem Rheinland und hat einen 14-jährigen Westfalenwallach namens Lucky Luke, den sie 4-jährig bekommen hat und seitdem erfolgreich auf Turnieren vorstellt. Außerdem hat sie eine 3-jährige Tochter.

4 Kommentare

  1. Kirsten sagt

    Den Beitrag kann ich so voll und ganz unterschreiben. Was habe ich mit dem ersten Pferd für Kopfstände gemacht. Immer alles selber, nichts aus der Hand gegeben. Beim zweiten Pferd war ich da schon lockerer und heute habe ich eine Tochter, meinen Mann, einen Garten, einen Hund und eine Vollzeitstelle und kein Pferd mehr. Irgendwie hat alles seine Zeit und irgendwann ändert man sich. Ich vermisse Pferde und Reiten nicht – mein Leben hat einen anderen Inhalt bekommen. Es war schön, aber es war.

  2. Steffi sagt

    Puh , finde ich ein schwieriges und kontroverses Thema .
    Ein Stück weit ist es doch normal das bei uns Reitern sich das Leben hauptsächlich um’s Pferd bzw . die Pferde dreht .
    Ich denke da die Pferde einen großen Teil unseres Lebensinhaltes aus machen ist es für die meisten auch normal und empfinden es weitestgehend als schön .
    Dennoch stimme ich der Schreiberin zu das man sich für sein Pferd nicht versklaven sollte .
    Aktuell muss mein Pferd auch 3-4 Tage etwas Schritt gehen zur schonung wegen einer kleinen Verletzung .
    Insbesondere bei diesem Wetter ist mein Pferd wohl dankbar bei diesem Wetter nicht mit intensivem Training belastet zu werden .
    Statt Schritt führen geht sie einfach ganz normal auf die Weide und am WE werde ich longieren um den Bewegungsablauf zu bewerten und ich denke an Montag kann ich ganz normal wieder reiten .
    Auch in den Urlaub fahren kann ich ohne täglich am Stall an zu rufen da ich ebenso denke , wenn ich nichts höre ist alles gut und dennoch kann ich auch nicht ruhig bleiben wenn ich so gar nichts höre von meiner geliebten Fellnase 😉
    Ich denke du hast deine Prioritäten so geändert das eben aktuell sich dein Leben in erster Linie um deine Tochter dreht und auch hier wirst du irgendwann fest stellen das auch sie keine rund um die Uhr Bespassung braucht ,oder das andere davon genervt sind das es sich statt nur noch um Pferde gerade nur noch um dein Kind dreht . Wenn deine Tochter weniger Aufmerksamkeit fordert , Vllt reitest du iwann wieder mehr und vermisst es dich mehr mit Pferdethemen zu beschäftigen , Vllt entdeckst du aber auch ein ganz neues Hobby das dich fordert …
    Ich würde mir überlegen wie wichtig das Reiten , der Partner Pferd mir / dir tatsächlich ist .
    Es ist zwar toll wenn man sich den rundum Service leisten kann und nicht im Stall sein muss , aber will man das wirklich , ist das wirklich der Grund warum man ein eignes Pferd hat ?
    Ich liebe es aktuell mich um alles zu kümmern und fühle mich nicht versklavt und trotzdem reite ich nicht jeden Tag sondern beschäftige uns neben Training und Turnieren individuell .
    Ich sehe es so das es ein Hobby ist , bei dem ich entspannen will und mich nicht stressen will , Turnier kann für mich genau so ausgleichend sein wie ein Ausritt .
    Ich bin aber auch keine Mama 😉
    Mein Freund hatte vor mir schon Reiterinnen und ich denke bei diesem Hobby braucht man einen Lebenspartner mit viel Verständnis und das ist nicht selbstverständlich.
    Ich bin absolut dankbar dafür das mein Freund zu 100% hinter meinem Hobby steht und es für ihn kein Problem darstellt mal mein Pferd rein zu holen oder mal mit aufs Turnier zu kommen , ich verpflichte ihn auch nicht zu Regelmäßigkeit , er hilft dann wann er mag 🙂

  3. Stefanie sagt

    Wow, ein toller Bericht und ein Thema, mit dem ich mich auch seit einigen Monaten auseinander setze. Ich habe zwei Pferde, eines davon (Reitpony-Stute) bin ich auch auf Turnieren geritten und wir haben schon sehr viel zusammen erlebt in den letzten acht Jahren. Das zweite Pferd kam mehr oder weniger unverhofft hinzu. ein Rentner von der Rennbahn mit dem ich in den letzten zwei Jahren viele Verletzungsgeschichten durch habe. Und immer hatte ich das Gefühl meine Umgebung erwartet, dass ich ihn schnell zum tollen Freizeitpartner umschule.
    Seit Januar bin ich nun Mutter eines wundervollen Sohns. Und was machen die Pferde? Die Stute reitet schon seit meiner Schwangerschaft ein Mädchen und beide passen so wundervoll zusammen. Ich lasse mich mal alle 14 Tage blicken, viele verstehen nicht, dass es mich derzeit nicht aufs Pferd zieht und ich lieber Zeit mit meinem Sohn und meinem Mann verbringe. Nun habe ich mich dazu durchgerungen die Mutter des Mädchens zu fragen, ob sie meine Stute nicht übernehmen wollen, es ist ja auch alles eine finanzielle Frage. Ich kann mir gut vorstellen die Ponystute für 2-3 Jahre zu verpachten, solange das Mädchen eben noch Lust hat und sie gern auf Turnieren reitet. Vielleicht habe ich nach der Zeit wieder mehr Antrieb mehr zu reiten bzw. mein Sohn?!
    Und der Vollblüter steht in einem schönen Offenstall und es geht ihm dort prima und ich glaube es ist ihm völlig egal, ob ich ihn reite oder nicht. Ziel ist es, dass ich vielleicht ein mal pro Woche einen Ausritt machen kann mit anderen netten Leuten vom Stall. Und wenn nicht, finde ich es auch nicht schlimm.
    Ich glaube, ich muss vor allem davon weg kommen, dass es manche Außenstehende komisch finden, dass ich mich derzeit nicht mehr so fürs Reiten begeistern kann, so nach dem Motto: Du hast ein Pferd, also musst du es auch mindestens so und so oft reiten! Irgendwie fühlt man sich unter Druck gesetzt. Aber verkaufen will ich die Pferde auch nicht, man weiß ja nie, wo sie hinkommen und sie haben es ja bei mir trotzdem nicht schlecht, denke ich.

  4. Katrin sagt

    Liebe Sofia, ich kann deinen Bericht auch voll und ganz so unterschreiben.
    Als Berufstätige Mutter hat man wirklich sehr viel um die Ohren und man muss dann einfach einsehen das man nicht alles selber machen kann.
    Da ist es doch besser man hat sein Pferd in einem Stall stehen wo es gut umsorgt wird. Dadurch das man nicht täglich da sein kann geht es ihm mit Sicherheit auch nicht schlechter. Wie du schon sagtest es ist ein Pferd.
    Bei mir ist es ähnlich, früher gab es nur mein Pferd. Ich war täglich im Stall, stundenlang hab ich ihn betüddelt. Jetzt bin ich Mutter und arbeite und habe auch nicht mehr soviel Zeit für unser (mein Mann reitet auch) Pferd.
    Doch durch die Gewissheit das es ihm gut geht und er in einem schönen Stall steht wo er gut umsorgt wird, finde ich es voll ok ihn nicht jeden Tag selbst zu reiten etc.
    Es wird auch irgendwann wieder anders sein, vielleicht wenn die Kinder dann auch reiten wollen oder andere Hobbys haben. Vielleicht hat man dann wieder mehr Zeit für sich und seine Leidenschaft.
    Viele Grüße Katrin

Wir freuen uns immer über eure Kommentare :-)