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Alle Jahre wieder – Das Thema Eindecken

Wir haben November, die Tage sind schon merklich kürzer geworden, die Temperaturen kälter und das Laub fällt langsam von den Bäumen. Längst sind die meisten Pferde eingedeckt, zumindest die, die sowieso und auf jeden Fall den ganzen Winter eingedeckt sein werden. In der Hoffnung, sie würden weniger Fell schieben, haben viele bereits ganz früh angefangen einzudecken und schon Anfang September standen die ersten Pferde in ihren Wintermänteln auf der Weide.

Es gibt viele gute Gründe dafür, sein Pferd einzudecken. Aber es gibt ebenso viele sehr gute Gründe es nicht zu tun. Und wie bei fast allen Dingen sollte die Entscheidung, ob ein Pferd eingedeckt werden sollte oder nicht, immer eine individuelle sein, denn jedes Pferd ist anders, jede Haltungsform bietet eine andere Entscheidungsgrundlage, jede Nutzungsform des Pferdes stellt andere Ansprüche an die Fellbeschaffenheit der Tiere.

In vielen Gesprächen mit anderen Reitern drängt sich mir aber immer wieder das Gefühl auf, dass diese Entscheidung nicht wirklich individuell getroffen wird, sondern das Eindecken mittlerweile so selbstverständlich dazu gehört wie das Hufeauskratzen. Kaum einer stellt sich überhaupt die Frage, ob eine Decke sinnvoll und nötig ist, sie gehört zur Standardausrüstung eines JEDEN Pferdehalters, genauso wie Halfter, Sattel und Trense. Es haben wohl sogar mehr Pferde eine Decke, als sie Trense und Sattel hätten, sogar wenn sie gar nicht geritten und genutzt werden, werden Pferde eingedeckt.

Vor drei Jahren war ich gezwungen bezüglich des Themas Eindecken radikal umzudenken. Der Zausel wurde an mehreren Stellen sehr großflächig operiert und hatte tellergroße, offene Wunden im Pelz. Was für mich jahrelang selbstverständlich war, war plötzlich einfach keine Option mehr. Zunächst in Sorge, ob das arme Tier überhaupt einen Winter ohne Decke überstehen würde, habe ich angefangen, zu dem Thema zu recherchieren und bin dabei auf eine sehr interessante Studie getroffen, über die ich hier schon einmal berichtet hatte. Einem norwegischen Forscherteam ist es gelungen, Pferden anhand von Symboltafeln die Wahl zwischen eindecken und ausdecken selbst zu überlassen. Die teilnehmenden Pferde konnten jeweils nach kurzer Akklimatisierung auf dem Paddock wählen, ob sie die Zeit an der frischen Luft gern mit oder ohne Decke verbringen möchten. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die meisten Pferde ihre Paddockzeit am liebsten ohne Decke verbringen, es sei denn, es ist ungemütlich nasskaltes Wetter oder wirklich strenger Frost mit Temperaturen im zweistelligen Minusbereich. Sie zeigte aber auch, dass es unter den teilnehmenden Pferden echte Frostbeulen gab und auch solche, die fast nie freiwillig eine Decke anziehen wollten.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Studie dürfe wohl sein: Tendenziell tragen Pferde eher ungern Decken, aber es kommt immer auf die individuellen Umstände an.

Beobachtet man auf der Stallgasse mal aufmerksam das Verhalten von Pferden, wenn sie eingedeckt werden, wird einem schnell bewusst, dass viele Pferde beim Auflegen der Decke deutlichen Unwillen zeigen. Sie legen die Ohren an, stehen unruhig, Schnappen nach dem Besitzer oder nach der Decke, pinseln mit dem Schweif und zeigen somit eigentlich sehr deutlich, dass die Decke nicht grade Wohlbefinden bei ihnen auslöst.

Das ist in vielen Fällen auch kein Wunder, im Winter häufen sich wieder die Scheuerstellen an Brust und Widerrist, viele Pferde genießen ganz besonders die Putzeinheiten, weil sie mit den schweren Decken kaum die Möglichkeit haben, sich zu kratzen. Hinzu kommen vermehrt Pilzerkrankungen, schuppige Haut, Exeme und haarlose Hautstellen.  Außerdem behindern viele Decken die Pferde beim Liegen und Aufstehen, spannen dann unangenehm an Brust und Widerrist, dies gilt auch für das Grasen, bei dem die Pferde oft stundenlang den Kopf sehr tief halten. Diese Haltung verlangt den Decken in Punkto Passform so einiges ab und nicht alle Decken halten, was sie versprechen.

Zusätzlich zum Tragekomfort, der bei vielen Pferden nicht unbedingt Begeisterung hervorruft, geht von Decken ein erhebliches Verletzungsriskio aus. Beim Wälzen und Liegen können die Pferde in die Gurte treten, sich die Decken halb ausziehen, im rabiaten Spiel mit anderen Pferden zerlegt es eine Decke auch schon mal in lange Fetzen, die den Pferden dann um die Beine baumeln. Wer hat nicht schon mal ein Pferd aus seiner Decke befreien müssen? Meistens passiert außer einer kaputten Decke nichts, es gibt aber eben auch die Fälle, bei denen sich Pferde an Decken böse verletzt haben und jeder, der sein Pferd eindeckt, sollte sich zumindest die Frage stellen, ob er dieses Risiko nicht umgehen könnte.

Überhaupt stellen sich meinem Empfinden nach viel zu wenig Reiter die Frage, ob eine Decke wirklich nötig ist. In den meisten Ställen gehört die Decke so selbstverständlich zur kalten Jahreszeit dazu wie die gesetzlich vorgeschriebenen Winterreifen, von Oktober bis Ostern wird eingedeckt. Dabei sind Pferde von Natur aus allerbesten gegen Kälte ausgestattet. Ihnen wächst ein dichtes, wärmendes Fell, welches viel bessere Thermoregulationsfunktionen vorweisen kann als jede Decke aus Hightech Funktionsgewebe sie jemals haben wird. Dieses hervorragende Winterkleid wächst nicht nur nordischen Robustrassen, sondern jedem Pferd. Natürlich dem einen mehr als dem anderen, aber wir leben hier ja auch nicht in am Polarkreis und die Winter in deutschen Gefilden sind doch eher mild, wenn auch ziemlich nass.

Und das kann sicherlich zu einem Problem werden: Während trockene Kälte Pferden so gut wie nichts ausmacht, kann dauerhafte Nässe schon zu einem Problem werden. Regnet es über mehrere Stunden hinweg durch, dazu möglicherweise noch mit ungemütlichem Wind, kühlen die Pferde schnell aus, wenn sie keine Möglichkeit haben, sich unterzustellen.

Meine Erfahrungen in den letzten drei Jahren haben gezeigt, dass ganz normale, gesunde Warmblüter im Winter keine Decke benötigen, auch wenn sie richtig gearbeitet werden. Natürlich schwitzen sie während der Arbeit und das nicht zu knapp, das Fell trocknet direkt am Körper an der frischen Luft aber sehr schnell, nur die Haarspitzen bleiben länger nass, solange die Pferde aber an der Haut trocken sind, ist das kein Problem. Bei trockenem Wetter macht ihnen selbst Frost und deutliche Minustemperaturen nichts aus. Anhaltender Regen hingegen wird von ihnen als wirklich unangenehm empfunden und kann auch zu starkem Frieren inkl. Muskelzittern führen.

Wenn die Pferde nicht ständig die Möglichkeit haben, sich vor dem Regen in einem trockenen Unterstand zurück zu ziehen, sollten sie an Tagen mit anhaltender Nässe von oben in jedem Fall mit einer regendichten Decke vor der Nässe geschützt werden. Für meine Pferde gilt das solange sie noch tagsüber auf der Weide stehen, wo es leider keinen Unterstand gibt. Je nach Wetterlage werden sie dann entweder eingedeckt rausgestellt oder nach einem halben Tag schon in den Paddock gestellt. Ich habe die besten Erfahrungen mit einer leicht gefütterten Decke (100 g Füllung) gemacht, die dem ungeschorenen Pferd aufgelegt wird. Durch die Verdunstungskälte werden die Pferde mit den ungefütterten Decken schnell kalt, weil sie durch das Eigengewicht der Decke schlecht das Fell aufstellen können. Unter der leichten Fütterung bleiben sie auch bei fiesem Wetter schön warm. Die Decke wird dann herunter genommen, sobald sie ins Paddock kommen und sich wieder selbstständig im Unterstand vor dem Regen schützen können.
Es ist nämlich keines Falls so, dass man ein Pferd, welches einmal eingedeckt ist, den ganzen restlichen Winter nicht mehr ausdecken kann. Viel mehr sollte man viel flexibler auf unterschiedliche Witterungsverhältnisse reagieren und die Decke einfach nur dann auflegen, wenn es die jeweilige Situation erfordert.

Man merkt einem Pferd übrigens sehr gut an, ob es friert oder nicht. Aufgestelltes Fell, ein eingezogener Schweif, ein verspannter Rücken, unentspannte bis missmutige Gesichtszüge, Muskelzittern, all das sind umtrügerische Anzeichen dafür, dass einem Pferd kalt ist. Ein frierendes Pferd fällt aber nicht gleich tot um und holt sich auch nicht automatisch sofort den nächsten Husten. Es hat von der Natur eine ganze Menge Tricks und Mechanismen mitbekommen, um seine Körpertemperatur auf einem konstanten Level zu halten. Mit ein bisschen Gefühl für das eigene Pferd und einem regelmäßigen Blick auf die Wettervorhersage bekommt man aber schnell das richtige Händchen dafür, wann es Sinn macht, eine Decke aufzulegen und wann das Pferd lieber frische Luft an im Pelz genießen darf.

Und nun würde mich natürlich eure Meinung zu dem Thema interessieren? Deckt ihr jeden Winter ein?

1 Kommentare

  1. Lisaaa sagt

    Ich decke diesen winter zum ersten mal ein, da die osteopathin mir das empfohlen hat, damit die muskeln nicht immer so fest werden an der hinterhand. Ich muss dazu sagen dass er im offenstall steht und eine kleine mimose ist. Er lässt sich sehr gerne die decke anziehen und ich merk auch das er deutlich lockerer ist. Aber die Entscheidung ihn einzudecken fiel mir sehr schwer, denn ich bin von der robusten haltungsform überzeugt bin. Zumal ich auch einen haflinger habe, allerdings ist er nicht dass was das typische rasseporträt verspricht. Er ist sehr schmal und nicht gerade leichtfuttrig und hat auch nicht so viel winterfell.
    Selbst jetzt fühle ich mich bei der Entscheidung noch hin und her gerissen, aber ich beobachte einfach mein Pferd und entscheide aus dem bauch heraus. 🙂

Wir freuen uns immer über eure Kommentare :-)